DaunTown-Atelier-Stipendium 2026

Zum ersten Mal geht das DaunTown-Atelier-Stipendium an eine Fotografin. Alexandra Malobrodski widmet sich in ihrer Fotografie den „Unrealitäten“, wie sie selbst ihre Arbeiten beschreibt.

Der fotografische Blick von Malobrodski zeigt real Gesehenes im Stadtbild, das aus dem Umfeld isoliert, unreal und manipuliert erscheint. Die Kompositionen erinnern an die Malwelten der Surrealisten, dabei sind die entstandenen Fotografien in keiner Weise technisch manipuliert.

Ganz anders geht die Künstlerin bei ihrer inszenierten Fotografie vor: sie bewegt sich im Spannungsfeld zwischen dem technischen Anspruch der Fotografie, Realität abzubilden und dem künstlerischen Vorhaben, Realitäten zu verändern, zu übertreiben oder gar aufzulösen.

In der Stadt, in der Natur und im Atelier erschafft Malobrodski ihre Unrealitäten, in denen sie oft mithilfe von Models die Absurdität des Lebens inszeniert. Charakteristisch für diese Fotografien ist das Spiel mit farbigem Licht, langen Belichtungszeiten, Spiegelungen und Verhüllungen, die die Grenzen der Realität verschwimmen lassen.

Ihre Werke sind narrativ und cineastisch, werfen Fragen auf und beantworten keine von Ihnen. Sie öffnen den Dialog zwischen Realität und „Unrealität“, Traum und Wirklichkeit und locken in eine Traumwelt, die sich dem klaren Verständnis entzieht.


Gefundene Unrealitäten im Stadtbild, fotografisch festgehalten von Alexandra Malobrodski. (Detailansicht)

(Detailansicht)


Inszenierte Fotografie, die bewusste Veränderung der Realität.


Alexandra Malobrodski bei einem Shooting in DaunTown.

Mehr Fotografien von Alexandra Malodrodski

bus shelter

Der Fotograf David Weldzius aus Los Angeles war für eine Woche Gastkünstler in DaunTown. Er nutzte die Zeit zum Schreiben. In seinem Essay setzt er sich mich mit dem Konzept der gegenseitigen Hilfe sowie der gemeinschaftlichen Verwaltung von Allmende-Flächen und Ressourcen auseinander. Die Texte werden gemeinsam mit seinen Fotografien im Buch *History Painting* erscheinen, das Ende 2026 bei Insert Press herauskommt.

„Bei Spaziergängen durch Borgholzhausen fiel mir eine Reihe städtischer Bushaltestellen auf. Sie weckten mein Interesse gerade durch das, was ihnen fehlte: Werbung. Jedes Wartehäuschen rahmt die Landschaft mit drei durchgehenden Glasscheiben ein.

Ich ging mehrmals an der Bushaltestelle nahe dem Atelierhaus gelegen vorbei – die direkt an ein Privathaus grenzt –, bevor ich sie fotografierte. Ein dichtes Gewirr aus Ranken und immergrünen Pflanzen drückte sich von der Rückseite her gegen das Glas und verdeutlichte so das Spannungsfeld zwischen privatem und öffentlichem Raum. Die flachgedrückten Blätter und Tannennadeln erinnerten mich an gemusterte Tapeten, an Cyanotypien (Blaudrucke) und an die Praxis, Blütenblätter zwischen die Seiten eines Tagebuchs zu pressen.“, so Weldzius.

Im Wohnviertel von David Weldzius in Los Angeles betreiben, wie auch in deutschen Städten, Werbeunternehmen die Haltestellen gegen Werbeeinnahmen. Der Untergrund, der Gehweg, ist öffentlicher Raum, während die Konstruktion in Privatbesitz ist und instand gehalten wird. Obdachlose nutzen Bushaltestellen oft als Schlafplatz. Da die Sitzbänke zum Liegen ungeeignet sind, müssen die Menschen auf dem Gehweg schlafen, also im öffentlichen Raum. Im Bundesstaat Kalifornien, wo die Wohnkosten für viele unerschwinglich sind und das Schlafen in der Öffentlichkeit als Straftat gilt, hat sich die Bushaltestelle längst zu einem umstrittenen Ort entwickelt.

David Weldzius: „Meiner Einschätzung nach offenbart die städtische Bushaltestelle – deren Design an den Glaspavillon und damit an ein Relikt der utopischen Moderne des 20. Jahrhunderts angelehnt ist – eine Vernachlässigung gesellschaftlicher Verantwortung. Ihr Status als Architektur an der Schnittstelle von öffentlichem und privatem Raum versinnbildlicht den folgenschweren Wandel vom keynesianischen Sozialstaat hin zur „Trickle-Down-Ökonomie“, einer Entwicklung, die das Leben der sogenannten „Working Poor“ – der Erwerbstätigen in Armut – bis heute tiefgreifend prägt. Die offene, dreiwandige Konstruktion der Haltestelle erinnert an das Bühnenportal des hellenistischen Theaters. Doch wenn ich durch die „vierte Wand“ blicke, fällt es schwer zu sagen, ob ich Zeuge einer Tragödie oder einer Farce werde.

Indem ich die Bushaltestelle in Deutschland auf dem Land im farbenprächtigen Licht des späten Nachmittags fotografierte, wollte ich meine gewohnte Erzählweise aufbrechen. Auch auf die Gefahr hin, etwas naiv zu wirken: Stellen wir uns einen Erntehelfer vor (vermutlich einen Migranten), der in einen Bus Richtung Westen steigt und am Rathaus von Osnabrück ankommt – jenem Ort, an dem im Oktober 1648 mutmaßlich der Westfälische Friede unterzeichnet wurde. Dort könnte der Landarbeiter über die Geburtsstunde des Nationalstaats, die Industrielle Revolution, die Kriege des vergangenen Jahrhunderts, die Gründung der Vereinten Nationen und der Europäischen Union sowie über die Neoliberalisierung nachdenken. Wie steht es um die Weltordnung, und ist es nicht an der Zeit, über eine andere Art des Zusammenlebens nachzudenken? Vor allem aber: Wie würden sich die langsamen, unaufhaltsamen Verschiebungen der geopolitischen Machtverhältnisse auf den Wanderarbeiter auswirken?“

Abbildung oben „Borgholzhausen bus shelter“ Fotografie von David Weldzius.

Mehr Fotos von David Weldzius

Fotografie von Michael Strauß

„Alles Fleisch“ so ist der Titel der aktuellen Ausstellung von Michael Strauß, zu sehen bis zum 15. Januar 2023 in der Treppenhausgalerie Herford.

Mit kritischem Blick dokumentiert er die Welt, die ihn umgibt. Sein Interesse gilt besonders der düsteren Seite des menschlichen Handelns. Hier wird das Geheime, das Private ans Licht geholt.

Der Bildhauer Michael Strauß arbeitet mit vielfältigen Medien der Kunst. In seiner neuen Werkreihe beschäftigt er sich mit experimentellen fotografischen Arbeiten. Auf großformatigen Fotodrucken zeigt Strauß dem Betrachter dunkle Pfade der Psyche. Wie in Graphic Novels werden Geschichten erzählt, die sich in Kritzeleien auf kleineren fotografischen Arbeiten verdichten.