„und ich sah viele Leute dort oben, die wie ich die Fenster suchten…“ ist der verheißungsvolle Titel einer präzise formulierten Ausstellung des Künstlers Yasin Wörheide, in der das intrinsische Fenster zum Prinzip erhoben und der Abgesang auf die konventionelle Realität mit ekstatischem Jazz gefeiert wird. So oder so ähnlich könnte man die Schau in der ehemaligen Lippstädter Flak-Kaserne beschreiben, die am 2. Mai eine fulminante Eröffnung feierte.
Der seit 23 Jahren als Kunst im Turm bekannte Ausstellungsort, geführt vom gleichnamigen Verein, Kunst im Turm e.V. Lippstadt, gibt mit der aktuellen Präsentation einem Künstler Raum, der sich darauf versteht, die fluide Wahrnehmung einer digital gewordenen Realität vorzuführen. Mit der Werkreihe „Intrinsische Fenster“ schafft Wörheide einen konzeptuellen Rahmen, der sich konkret auf die Malereigeschichte bezieht, gleichzeitig im Alltäglichen erfahrbar und gerade deswegen hoch produktiv ist.
Dass mit dem Begriff des Fensters schon lange nicht mehr nur ein hölzerner Rahmen im Mauerwerk bezeichnet wird, war dem ehemaligen IT-Techniker und heutigen Bürgermeister von Lippstadt, Alexander Tschense, nach eigener Aussage erst im Gespräch mit dem Künstler wirklich bewusst geworden. Sein geschulter Blick war dafür in der Lage gewesen, im großen Gemälde „Die Tastatur“ sofort die unter Computer-Enthusiasten bekannte Cherry-Tastatur zu erkennen. Die monumentale Arbeit zeigt auf 450 x 180 cm ein mit Symbolen beladenes, überdimensionales Keyboard. Es scheint in einem Dschungel zu schweben, wie die Ruine einer heiligen Stätte, sakral leuchtend, als sei es selbst eine göttliche Instanz. Umgeben von kleineren Tieren scheint sie die Szenerie zu erleuchten, da sitzt ein Rabe auf einem Stapel Bücher, eine Raupe wurmt sich durch das Dickicht, neben ihr sind die Pfeiltasten zu Stein geworden, in ihnen steckt ein Schwert.
Diese Vermengung von Natur, Spiritualität, Mythos und Göttlichkeit mit Technik, Kabel und Alltäglichem ist für Yasin Wörheide typisch. Es gelingt ihm damit, neue Verbindungen zu schaffen, wie bei Tschense, der sich außerordentlich beglückt über die geistige Flexibilität des Künstlers zeigt und die Ausstellung mit einem großen Dank an diesen eröffnet. Er steht dabei vor der Tastatur, mitten im Raum, der Raum ist groß, fast quadratisch und nach oben hoch genug, dass eine kleine Empore in die zweite Etage führt. Die Tastatur selber ist unkonventioneller Weise nicht an der Wand gehängt, sondern im Raum zum Stehen gebracht. Von ihr ab und teilweise um sie herum tanzen Telefone mit langen stählernen Beinen den, wie die Werkliste verlauten lässt, „Tanz um den Fortschritt“.
Gegenüber stehen Plastiken aus verschiedenen Materialien wie kleine Soldaten bereit. Die zusammengesetzten Figuren, frankensteinartige Mischwesen aus Stahl, Keramik und allem, was noch zur Geburt eines Wörheide’schen Kobolds notwendig ist, sind kleine Agenten. Ihre Körper bestehen aus Computergehäusen, ihre Gesichter aus gebrannter Keramik. Sie sind Kobolde, Hunde oder Schwäne, Fabelwesen oder Roboter, man kann es nicht sagen. Im einführenden Gespräch mit dem Kunstvereinsleiter Dirk Skovronski erklärt Wörheide seine Absichten, er wollte diese Computer zu dem machen, was sie sind: Agenten in unserer Welt.
Fenster sind heute ebenso als Programmfenster oder Tabs auf Bildschirmen anzutreffen, wie sie auch als gläserne Rechtecke in den Wänden vieler Gebäude zu finden sind. Eine Ähnlichkeit, die in den „Intrinsischen Fenstern“ Wörheides evident wird. Die Werke dieser Reihe zeichnen sich durch ein gemeinsames „Dateiformat“ aus, alle Malereien sind um eine hölzerne Tab-Leiste erweitert, die am oberen Bildrand den Anschein erweckt, die Malerei ließe sich wie ein digitales Fenster minimieren, maximieren oder schließen. Eindeutig wird hier das längst in das kollektive Gedächtnis übergegangene User-Interface des nicht zufällig Windows heißenden Unternehmens zitiert. Weiter finden sich überall an den Wänden auch solche Tab Leisten die noch ungeöffnet erscheinen, die Bilder sind minimiert und an der Wand findet sich nur ein Stück Holz mit den bekannten Symbolen, zu gerne würde man diese Fenster auch noch öffnen. Die Geste verweist auch inhaltlich auf eine Erweiterung der Malerei, die bekannte Benutzeroberfläche überbrückt den Betrachtungsprozess und lässt die Anschauung selbst in den Vordergrund treten. Wie sind diese Bilder zu sehen? Welches Betriebssystem muss in den Köpfen der Betrachter installiert sein, damit sich die Bilder erschließen? Hier kommt der Ausstellung eine medienreflexive Qualität zu, der Blick verschiebt sich auf Fragen der Medialität, nicht nur das Bild bedarf der Deutung, die Distribution der Bilder wird reflektiert.
Die Malerei als Fenster zu begreifen ist keine neue Perspektive, wie der Künstler im einführenden Gespräch erläutert. Schon der Theoretiker Leon Battista Alberti identifiziert 1436 die Ähnlichkeit zwischen der Malerei und dem Fenster in seinem Traktat „Della Pictura“ als „Fenestra Prospectiva“, ein Fenster mit Aussicht. Dieser Gedanke, den Wörheide als Absolvent der Kunstakademie Münster bei seinem ehemaligen Professor und heutigen Sammler Gerd Blum gelernt hat, wird hier konsequent weitergedacht. Wenn das Fenster mit Ausblick seit ein paar Jahrzehnten auch ein digitales Fenster meint, welche Implikationen hat das für die Malerei? Verändern sich die Sehgewohnheiten mit den wechselnden Formaten der Bildschirme, und wenn ja, welches sind die neuen Formate der Malerei? Eine besonders direkte, fast plumpe Antwort findet Wörheide auf der zweiten Etage der Ausstellung. Mit Arbeiten wie „HTC Mona Lisa“ oder „Nokia Jungbrunnen“ präsentiert er bekannte Werke der Kunstgeschichte auf Smartphones. Die gekonnt kopierten, mit wenigen raffinierten Strichen auf das Smartphone übertragenen Motive eröffnen die Möglichkeit, sich in der Geschichte zu spiegeln, sozusagen ein Fenster in die Vergangenheit. Auch eine Reise des Künstlers in die Höhlen von Lascaux wurde hier auf Samsung und Iphone verarbeitet.
Ihr großes/anderes Verb Finale findet die Eröffnung schließlich in der Musik. Schweigend betreten die vier maskierten Musiker der „Crashing Airplanes“ den Kunstverein: Hidden Japan (Saxofon, EWI), Steward S. (Bass), Don Bumchack (Saw, Pads) und Mirko Butterfly (Drums). Hinter sich her zieht Don Bumchack einen von innen grün leuchtenden Kessel, in den die Musiker der Reihe nach blicken, bevor sie sich wie in Trance zu ihren Instrumenten begeben. Der erste Ton kommt von Hidden Japan – und er ähnelt verblüffend genau dem legendären Boot-up-Sound einer frühen Windows Version. Was folgt, ist ein freier, lauter, rauschender Jazz, der sich immer weiter aufschaukelt, bis die Grenzen zwischen Besucher und ausgestelltem sich auflösen, wenn nicht mehr nur die Telefone sondern auch die Besucher beginnen zu tanzen.
Finn Froböse
Die Ausstellung ist vom 2.5. bis zum 31.5.2026 im Kunstverein „Kunst im Turm“ Lippstadt, Von-Tresckow-Straße 31, zu sehen.



Fotos: Hanna Retz
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